Die Kirchenfenster von St. Johannes

 
 
Wenn ich den Kirchenraum von St. Johannes betrete, dann empfängt mich die Weite des Raumes und die Ruhe, die diesen Raum von der Unruhe der Stadt trennt. Die Weite, Ruhe und Schlichtheit des Raumes laden mich dazu ein, zu verweilen und Abstand zu nehmen von der eigenen Geschäftigkeit – im Gebet oder einfach nur im Dasein.
 
Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, doch siehe, ich lebe in alle Ewigkeit und ich habe die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt.“ (Offb 1,18)
 
Die Kirchenfenster des umlaufenden Lichtbandes sorgen für Licht im Raum und bilden den wichtigsten Schmuck der Kirche. Sie beeindrucken durch ihre Farben und Formen. Seit ich die St. Johanneskirche zum ersten Mal betreten habe, kann ich nicht aufhören, diese Fenster anzuschauen und zu bestaunen.

Verweilen Sie einen Moment

Bevor Sie diesen Text weiter lesen, nehmen Sie sich doch die Zeit, besuchen Sie die Kirche an einem hellen Tag und vertiefen Sie sich in der Betrachtung des Fenster.
Nehmen Sie doch die folgenden „Quizfragen“ als Anstoß:
 
  • Wo finden Sie: eine Posaune, eine Mondfinsternis, einen Baum, Pferde?
  • Welches Fenster stellt folgende Geschehnisse dar:
    • Als ich ihn sah, fiel ich wie tot vor seinen Füßen nieder.
    • Ein gewaltiger Engel kam aus dem Himmel herab []. In der Hand hielt er ein geöffnetes kleines Buch
  • In welchen Figurengruppen finden Sie die Zahlen 4, 7 und 12 wieder?
  • Wo sind Menschen in weißen Gewändern dargestellt?
  • Wo finden Sie das Wort „Märtyrer“
  • Wie viele Engel können Sie in den Fenstern erkennen?
Die Auflösung der Fragen können Sie dem folgenden Text entnehmen.

Die Fenster

Die Fenster stellen Episoden aus dem letzten und vielleicht mysteriösesten Buch der Bibel dar, der Offenbarung des Johannes. In diesem Buch, auf Griechisch Apokalypse, beschreibt ein Mensch mit dem Namen Johannes seine Vision einer Endzeit.
Die Fenster lassen sich in drei Gruppen einteilen. Gegenüber des Eingangs, über dem Altar und nach Osten gerichtet, befindet sich die Darstellung des Menschensohns auf dem Thron. Vom Eingang gesehen rechts, auf der Südseite, finden Sie die Darstellungen der endzeitlichen Katastrophen, die die Erde ereilen. Links, auf der Nordseite sind dem gegenübergestellt die Bilder der himmlischen Herrlichkeit.
Wenn Sie nun in der Kirche stehen, lade ich Sie ein, einzelne Kirchenfenster genauer zu betrachten. Wir schauen uns die Fenster in etwa in der Reihenfolge an, in der sie im Geschehen der Offenbarung des Johannes folgen.
Im folgenden Text sind die entsprechenden Bibelstellen abgedruckt, eine kurze Einordnung und dann Impulsfragen. Diese möchten Sie einladen, sich näher in die Bilder zu vertiefen und ihre eigene Interpretation zu versuchen.
 

Die Fenster der Ostseite

Das erste Bild der Offenbarung ist das Bild des Menschensohn auf dem Thron, das Sie über dem Altar finden. In der Offenbarung heißt es:
Am Tag des Herrn wurde ich vom Geist ergriffen und hörte hinter mir eine Stimme, laut wie eine Posaune. […] Da wandte ich mich um, weil ich die Stimme erblicken wollte, die zu mir sprach. Als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen gleich einem Menschensohn; er war bekleidet mit einem Gewand bis auf die Füße und um die Brust trug er einen Gürtel aus Gold. […] In seiner Rechten hielt er sieben Sterne und aus seinem Mund kam ein scharfes, zweischneidiges Schwert und sein Gesicht leuchtete wie die machtvoll strahlende Sonne. […] Als ich ihn sah, fiel ich wie tot vor seinen Füßen nieder. Er aber legte seine rechte Hand auf mich und sagte: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte  und der Lebendige. Ich war tot, doch siehe, ich lebe in alle Ewigkeit und ich habe die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt. (Offb 1,10-18)

Die Berufung des Johannes

Johannes sieht den Menschensohn auf dem Thron. Vor Erschrecken kann Johannes nicht anders als zu Boden stürzen. Sehen Sie ihn links unten in der Fenstergruppe am Boden liegen? Doch der Menschensohn richtet ihn auf. Es heißt: „Er aber legte seine rechte Hand auf mich und sagte: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige.“ 
 
                                                                                                                      
Dieses Bild lädt uns ein, uns zu fragen, wie wir Gott begegnen.
 
Wie stehe, sitze, knie oder liege ich vor Gott?
In welcher äußeren und inneren Haltung?
Vielleicht sollte das mein erster Blick sein, wenn ich die Kirche betrete – zu dem niedergefallenen Johannes?
Welches sind die Haltungen in denen ich Gott begegnen kann, zu Gott beten, bitten, flehen, Ihn anbeten kann?

Der Menschensohn auf dem Thron

Der zweite Blick darf dem aufrichtenden Menschensohn gelten. Schauen Sie sich den Menschensohn an: „Aus seinem Mund kam ein scharfes, zweischneidiges Schwert und sein Gesicht leuchtete wie die machtvoll strahlende Sonne.“. Dieses Schwert hat der Künstler unübersehbar dargestellt. „… zu kommen, die richten die Lebenden und die Toten“ beten wir im Glaubensbekenntnis. Bei einem Richterspruch haben wir immer gleich eine Verurteilung im Sinn, aber ist das wirklich der Anspruch dieses Richters? Nein, ein gerechter Richter wird denen Recht zusprechen, die im Recht sind und richtet diese auf. Im 43. Psalm beten wir: „Schaffe mir Recht, Gott, […]und errette mich von den falschen und bösen Leuten! Denn du bist der Gott meiner Stärke.“
Wir müssen also keine Angst vor diesem Richter haben, denn Gott will aufrichten. Er will auch uns berühren und uns zusprechen „Fürchte dich nicht!
 
Ich lade Sie also dazu ein, noch einen Moment bei dem Menschensohn zu verweilen, dessen Schwert so bedrohlich aus dem Mund ragt.
 
Bin ich bereit, mich Seiner Gnade anzuvertrauen?
Bin ich bereit, Ihn gerade machen zu lassen, was krumm ist in meinem Leben?
Bin ich dazu bereit, indem ich auch mich selbst anschaue, und schaue was in meinem Leben krumm ist?

Sieben Gemeinden, Sieben Leuchter, Sieben Sterne

Im ersten Kapitel heißt es weiterhin, dass der Menschensohn sich inmitten von sieben Leuchtern befindet und dass er in seiner Rechten sieben Sterne hält. Die sieben Sterne sind die Engel der sieben Gemeinden und die sieben Leuchter sind die sieben Gemeinden.“ (Offb 1,19f).
Die Leuchter sind rechts des Menschensohns dargestellt, die Sterne – auf blauem Grund – links von ihm.
Allerdings hat der Künstler sich hier Freiheiten genommen.
 
Sie zählen acht Leuchter und zwölf Sterne. Welche Interpretation fallen Ihnen dazu ein?
 
Es folgen im zweiten und dritten Kapitel Warnungen und Ermahnungen an die sieben Gemeinden – und für  jede der Gemeinden hält der Menschensohn eine Gabe bereit, die auf der Fenstergruppe links vom Altar an der Nordostwand zu finden: der Baum des Lebens für die Gemeinde in Ephesus (Offb 2,7),  der Kranz des Lebens für Smyrna (Offb 2,10), der weißen Stein für Pergamon (Offb 2,17), der Morgenstern für Thyatira (Offb 2,28), die weißen Gewänder für die Christen in Sardes (Offb 3,4), die Säule im Tempel Gottes für Philadelphia (Offb 3,12) und die Teilhabe am Gottes Thron für Laodizea (Offb 3,21).
 

Die Fenster der Südseite

Wenden wir uns nun der Südseite zu, die sich auf der rechten Seite der Kirche findet. Diese ist den Szenen des Gerichts gewidmet. Hier finden wir Bilder die wir mit der „Apokalypse“ verbinden. In der Vision des Johannes werden hier sieben Siegel geöffnet, und jedes Siegel bringt eine furchtbare Szenerie mit sich. Es sind die Bilder, die wir in vielen Kunstwerken, Bildern, Büchern, (Horror-)Filmen bis hin zu Rocksongs finden. Viele von Ihnen werden den Roman „Der Name der Rose“ von Umberto Eco kennen. Hier verwendet der Mörder im mittelalterlichen Kloster die Motive der sieben Siegel der Offenbarung.

Die Apokalyptischen Reiter

Die ersten vier der sieben Siegel stellen die Apokalyptischen Reitern dar. Sie gehören zu den eindrucksvollsten Darstellungen des Fensterbandes.
Beginnen wir mit dem zweiten Reiter von links, den roten Reiter. Über ihn heißt es:
„Da erschien ein anderes Pferd; das war feuerrot. Und der auf ihm saß, wurde ermächtigt, der Erde den Frieden zu nehmen, damit die Menschen sich gegenseitig abschlachteten. Und es wurde ihm ein großes Schwert gegeben.“ (Offb 6,4) 
Wer kann bei diesen Worten und beim Anblick des Fensters anders, als an den russischen Angriffskrieg in der Ukraine zu denken. Doch schauen wir nicht zu kurz: das Heidelberger Institut für internationale Konfliktforschung weist 40 Kriege und etwa 160 gewaltsame innerstaatliche Krisen aus.
Rechts daneben finden wir den Reiter mit dem schwarzes Pferd, über den es heißt:
„Er hielt in der Hand eine Waage. […] Ich hörte etwas wie eine Stimme sagen: Ein Maß Weizen für einen Denar und drei Maß Gerste für einen Denar.“ (Offb 6,5f)
 
 
Für mich stellt dieser Reiter die Ungerechtigkeit dar. Haben wir nicht den Eindruck, dass sich die Waage immer zugunsten derer neigt, die eh schon mehr haben, sowohl im globalen Maßstab des Nordens gegen den Süden, oder auch bei uns im Land zwischen „oben“ und „unten“? Geben wir diese Ungerechtigkeit weiter durch unsere Neigung, andere zu übervorteilen? Sind wir nicht zu geizig, den Preis für Lebensmittel zu zahlen, die den Menschen, die diese Produkte herstellen, ein adäquates Auskommen und Tieren ein auch nur halbwegs würdiges Leben ermöglichen?
 
Schauen wir auf den linken Reiter:
„Da sah ich und siehe, ein weißes Pferd; und der auf ihm saß, hatte einen Bogen. Ein Kranz wurde ihm gegeben und als Sieger zog er aus, um zu siegen.“ (Offb 6, 1)
 
Hier geht es offensichtlich nicht um einen Sieg bei einem Fußballspiel oder eine olympische Goldmedaille. Dieser Reiter erringt seinen Sieg auf Kosten seiner Mitmenschen. Der Preis für seinen Sieg ist ihm egal. Und so bedeutet sein Sieg die Unterdrückung seiner Mitmenschen. Wenn Sie sich das Fenster anschauen, dann sehen Sie, dass der Künstler den Reiter doppelt darstellt, als gespaltene Persönlichkeit.  
 
Es bleibt der rechte, der vierte Reiter, über den es heißt:
„Da sah ich und siehe, ein fahles Pferd; und der auf ihm saß, heißt der Tod; und die Unterwelt zog hinter ihm her. Und ihnen wurde die Macht gegeben über ein Viertel der Erde, Macht, zu töten durch Schwert, Hunger und Tod und durch die Tiere der Erde.“ (Offb 6, 8)
 
 
Schauen wir uns das Bild an, den Knochenreiter! Nichts Menschliches ist hier geblieben, nur noch der blanke Knochen. Wer ist hier gemeint, mit den Tieren der Erde? Sicher nicht unsere Mitgeschöpfe, die mit uns auf der Erde leben.
Hier ist mit „Tieren“ das Unmenschliche in uns selbst gemeint, die Unmenschlichkeit, die meinen Nächsten die Menschenwürde abspricht.
 
Wir dürfen vor den Reitern verweilen und Gewalt, Ungerechtigkeit, Unterdrückung und die Verletzung der Menschenwürde, die auf dieser Welt herrschen, beklagen.
Wir dürfen hier das Leid beklagen, dass wir selbst erleiden, oder das wir mit anderen Menschen mittragen.
Wir dürfen auch fragen:  Warum lässt Gott all dieses Leid zu? 
Wir dürfen aber auch fragen: Wo übe ich Ungerechtigkeit, Gewalt und Unterdrückung aus oder verletze meinen Nächsten in seiner Menschenwürde?

Das Tier

Im Verlauf der Gerichtsszenen in der Offenbarung spielen auch Wesen, die Tiere genannt werden, eine wichtige Rolle. Wie schon beim Knochenreiter gesagt, sind hier nicht unsere Mitgeschöpfe gemeint, sondern dieser Tiere stehen für das Unmenschliche in uns Menschen selbst. Johannes Visionen beschreiben diese als monsterartige Wesen. Eines ist auf dem Südwestfenster, direkt neben der Orgelempore, dargestellt:
Das Tier, das ich sah, glich einem Panther; seine Füße waren wie die Tatzen eines Bären und sein Maul wie das Maul eines Löwen. […] Die Menschen  […] beteten das Tier an und sagten: Wer ist dem Tier gleich und wer kann den Kampf mit ihm aufnehmen?“ (Offb 13,2)
 
 
Wenn Sie vor diesem Fenster verweilen, bietet sich die folgende Frage zur Besinnung an:
 
Welche Götzen bete ich an, weil ich nicht den Mut habe den Kampf mit ihnen aufzunehmen?

Engel und Zornesschalen

Links der Reiter folgen das fünfte Siegel, der Altar der Märtyrer und das sechste Siegel, der Untergang von Sonne und Mond:
„Als das Lamm das fünfte Siegel öffnete, sah ich unter dem Altar die Seelen aller, die hingeschlachtet worden waren wegen des Wortes Gottes und wegen des Zeugnisses, das sie abgelegt hatten. [] Da wurde jedem von ihnen ein weißes Gewand gegeben; und ihnen wurde gesagt, sie sollten noch kurze Zeit ruhen, bis die volle Zahl erreicht sei durch den Tod ihrer Mitknechte und Brüder, die noch getötet werden müssten wie sie. Und ich sah: Das Lamm öffnete das sechste Siegel. Da entstand ein gewaltiges Beben. Die Sonne wurde schwarz wie ein Trauergewand und der ganze Mond wurde wie Blut.“ (Offb 6,9ff)
Nun folgt eine Zäsur: In der Fensterreihe erscheint ein vollständig goldenes Fenster und links davon vier gewaltige Engelfiguren. Bedrohlich wirken diese Engel die sich vor einem düster-grünen Erde abzeichnen. Doch den vier Engeln, die Sie auf den Südfenstern sehen, wird befohlen, die weitere Verderbnis aufzuhalten:
Fügt dem Land, dem Meer und den Bäumen keinen Schaden zu, bis wir den Knechten unseres Gottes das Siegel auf die Stirn gedrückt haben! (Offb 7,3)
 
 
Auf der Nordseite, rechts von den Fenstern mit der Menschenschar finden Sie einen weiteren Engel, über den es in der Offenbarung heißt: „Ein anderer gewaltiger Engel kam aus dem Himmel herab; er war von einer Wolke umhüllt und der Regenbogen stand über seinem Haupt. Sein Gesicht war wie die Sonne und seine Beine waren wie Feuersäulen. In der Hand hielt er ein geöffnetes kleines Buch.“ (Offb 10,1)
In keinem anderen Teil der Bibel treten Engel in so großer Zahl auf wie in der Offenbarung. Und so dürfen wir sie auch im Fensterband von St. Johannes bestaunen. Mächtige Gestalten, düster und bedrohlich auf der Südseite, strahlend und ehrfurchtgebietend auf der Nordseite.
 
Welche Bedeutung haben Engel für mich in unserer heutigen Zeit?
Wenn Engel die Wesen sind, die Gottes Botschaft uns Menschen vermitteln, wo nehme ich sie wahr?
Wer sind meine Engel?
Sehe ich Gottes Engel in meinen Mitmenschen? 
Bin ich selbst Engel für meine Mitmenschen?
 
Nach dieser Zäsur wird das siebte Siegel geöffnet, und weitere Szenen, die Verderben über die Welt bringen werden geschildert. Zum Finale der Gerichtsszenen gehören die sieben Zornesschalen. Aus dem weißen Hintergrund des göttlichen Urlichtes, auf dem die Engel, die auch hier die Botschaft Gottes ausführen, nur als Umrisse dargestellt sind, ergießen sich aus Schalen rote Ströme auf die Erde.
„Dann hörte ich, wie eine laute Stimme aus dem Tempel den sieben Engeln zurief: Geht und gießt die sieben Schalen mit dem Zorn Gottes über die Erde!“ (Offb 16,1f) 
Der Künstler stellt das Geschehen hier mit eindrucksvollen Farben dar, erspart uns aber die konkrete Darstellung der Plagen, die an die ägyptischen Plagen erinnern. Und so wie die ägyptischen Plagen den Pharao zur Umkehr bewegen sollten, sollen die in der Offenbarung dargestellten Plagen uns zur Umkehr rufen.
 

Die Fenster der Nordseite

Vom Eingang gesehen Links, auf der Nordseite der Kirche, sind die Bilder der himmlischen Herrlichkeit dargestellt: Das Gottesvolk,  das Lamm, der Engel mit dem Buch und das himmlische Jerusalem.

Das Gottesvolk und das Lamm

Inmitten der Bilder der Bedrängnis und Bedrohung erfährt Johannes die Zahl derer, die gerettet werden:
Und ich erfuhr die Zahl derer, die mit dem Siegel gekennzeichnet waren. Es waren hundertvierundvierzigtausend aus allen Stämmen der Söhne Israels, die das Siegel trugen. […] Danach sah ich und siehe, eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen. Sie standen vor dem Thron und vor dem Lamm, gekleidet in weiße Gewänder, und trugen Palmzweige in den Händen. Sie riefen mit lauter Stimme und sprachen: Die Rettung kommt von unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und von dem Lamm. (Offb 7,4, 9-10)
 
Dies sind jene, die aus der großen Bedrängnis kommen; sie haben ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht. Deshalb stehen sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm bei Tag und Nacht in seinem Tempel; und der, der auf dem Thron sitzt, wird sein Zelt über ihnen aufschlagen. Sie werden keinen Hunger und keinen Durst mehr leiden und weder Sonnenglut noch irgendeine sengende Hitze wird auf ihnen lasten. Denn das Lamm in der Mitte vor dem Thron wird sie weiden und zu den Quellen führen, aus denen das Wasser des Lebens strömt, und Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen. (Offb 7,4, 14-17)
 
12 mal 12 mal 1.000  Gottesknechte aus den zwölf Stämmen Israels bekommen ein Siegel auf die Stirn. Doch darüber hinaus sammelt sich eine unzählbare Menschenschar aus allen Nationen mit Palmzweigen um den Thron Gottes und das Lamm führt sie zu Wasserquellen des Lebens.
Das Reich Gottes ist also keine exklusive Veranstaltung. Auch im Evangelium führt Jesus uns vor Augen, dass die Menschen aus allen Himmelsrichtungen ins Reich Gottes eingelassen werden – während manche, die ihren Platz als sicher ansehen, abgewiesen werden.
 
 
Handle ich so, dass Menschen unsere Gemeinde als einladend erleben?
Oder grenze ich Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Anschauung, ihres Geschlechts oder sexuellen Orientierung aus?
 

Das himmlische Jerusalem

Die Offenbarung des Johannes kulminiert in der Beschreibung des himmlischen Jerusalems und der Wohnung Gottes unter den Menschen.
Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr. Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen. sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. [..] Und es kam einer von den sieben Engeln, welche die sieben Schalen voll mit den sieben letzten Plagen getragen hatten. Er sagte zu mir: Komm, ich will dir die Braut zeigen, die Frau des Lammes. Da entrückte er mich im Geist auf einen großen, hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem, wie sie von Gott her aus dem Himmel herabkam, erfüllt von der Herrlichkeit Gottes. Sie glänzte wie ein kostbarer Edelstein, wie ein kristallklarer Jaspis. Die Stadt hat eine große und hohe Mauer mit zwölf Toren und zwölf Engeln darauf. [..] Die Stadt braucht weder Sonne noch Mond, die ihr leuchten. Denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie und ihre Leuchte ist das Lamm. (Offb 21,1-4; 9-12; 23)
 
 
Eine gewaltige Versprechung, der der Künstler breiten Raum in den Fenstern der Nordwand einräumt. In Gold und hellen Farben ist das neue Jerusalem dargestellt.
 
Bin ich bereit für die Verheißung Gottes?
Kann ich mich Ihm öffnen und mich von Ihm einladen und berühren lassen?
Oder verharre ich in Kleinmut und Abschottung?
 

Die Einladung

Wenn wir an Apokalypse denken, dann denken wir an Gewalt, Krieg, die wiederaufflammende Angst vor einem Atomkrieg, an Epidemien und Seuchen, an Dürren, Überflutungen und Wirbelstürme, die durch den Klimawandel immer häufiger auftreten, vielleicht auch an die Gefahr, dass die Erde von einem Asteroiden getroffen werden könnte; kurz: uns kommen Bilder in den Sinn, die an Weltuntergang erinnern. Doch der Begriff Apokalypse bedeutet nicht Weltuntergang – vielmehr bedeutet das aus dem griechischen kommende Wort Enthüllung oder eben Offenbarung. Und Gottes Enthüllung ist nicht, dass die Welt untergehen wird. Gottes Enthüllung ist, dass Er nicht vergeht, und dass alle, die an Ihn glauben bei ihm Schutz und ewiges Leben finden.Die Offenbarung des Johannes ist ein verstörendes Buch. Angesichts der verwickelten und widersprüchlichen Bilder kann man es praktisch nicht in Gänze lesen. Es verwundert nicht, das sich Maler, Schriftsteller und Filmemacher, die Inspirationen für Kriminal- und Horror-Sujets benötigen, aber auch Sekten und Satanisten reichlich aus diesem Buch bedienen.Doch die Kirchenfenster von St. Johannes sind keine Horror-Show! Sie laden dazu ein, einzelne dieser Visionen in den Blick zu nehmen, diese an uns heran zu lassen. Die schrecklichen Visionen, die uns helfen können, unseren Schmerz und unsere Ängste vor Gott klagen. Und die Visionen, die uns bestärken, wenn wir nach Trost und Geborgenheit in Gott suchen. Schauen wir auf den Menschensohn auf dem Thron der Dir zusagt: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, doch siehe, ich lebe in alle Ewigkeit und ich habe die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt.“
 
Die Rettung kommt von unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und von dem Lamm. (Offb 7,10)
 
Text: Thomas Schneider, im Juni 2023
Fotos: Frank Spiller, Thomas Schneider
Alle Rechte bei den Autoren
 
Das umlaufende Fensterband für die 1963-65 erbaute Kirche St. Johannes entwarf Prof. Emil Wachter nach Texten aus der Offenbarung des Johannes Offenbarung des Johannes.